die Presseberichte vom Stück
"Dysmorphomanie"
Mitteldeutsche Zeitung - Samstag, 16. Juli 2005
Sein oder Nichtsein? Wenn viele Fragen stumm machen
"Halogen" spielt im Puppentheater ein Stück um vermeintlich Behinderte
von unserer Mitarbeiterin: Steffi Schültzke
Halle/MZ. Schwere Kost verordnet sich das Laientheater Halogen mit seinem aktuellen Sommerstück. Schon der anspruchsvolle Titel "Dysmorphomanie" ist Programm für das Schauspiel, das im Puppentheater aufgeführt wird.
Im Mittelpunkt stehen psychisch Kranke, die sich für körperlich behindert halten. Sie leiden an vermeintlich krummen Rücken, dicken Beinen oder riesigen Unterkiefern. Sie verstümmeln sich, haben Bulimie und vor allem Depressionen. Das könnte ebenso eine sarkastische Fernsehshow für Schönheits-Operationen sein. Doch wurde die Szene vom russischen Autor Vladimir Sorokin in eine schwarzweiß gekachelte Irrenanstalt (Bühnenbild: Jana Schikofsky) verlegt. Theater spielen die Patienten dort und sollen sich so von ihrer eigenen Wahrnehmung befreien.
"Das Essen von Exkrementen ist ein Verbrechen." Zeile aus "Dysmorphomanie"
Die Inszenierung von Rayk Gaida hat es nicht leicht, die Sinn-Ebenen dieses komplexen Stücks zu erfassen. Gaida versucht es mit einer Kombination aus Theater, Livemusik und Videoeinspielungen.
Der erste Teil des Stücks gehört überwiegend den Videoprojektionen (Manja Rothe) und der Band (Jenny Moltmann, Christoph Blessin und Christian Frosch), die die Vorstellung der einzelnen Patientengeschichten begleiten. Vor allem dem geradlinigen Gesang von Christian Frosch gelingt es, Textfetzen wie "Essen von Exkrementen ist ein Verbrechen" eine verstörende Wirkung zu geben.
Der zweite Teil besteht aus dem Theaterspiel der Patienten. In einer Mischung von Shakespeares "Romeo und Julia" und "Hamlet" tauschen die Akteure permanent ihre Rollen und fallen immer mehr auf die eigenen Wahrnehmungen zurück. Das führt zu einer Julia, die an der Liebe des Romeo zweifelt und einem Hamlet, der sich fragt: "Sein oder Nichtsein. Das sind doch zwei Fragen?" Am Ende werden alle Werte in Frage gestellt. Weder die Liebe noch die großen Geschichten um sie bestehen vor den Unsicherheiten der Patienten. Das Theaterspiel versinkt in der Sprachlosigkeit seiner Akteure.
Schwierig ist in der Halogen-Inszenierung, dass sie sich in diesem Teil in Richtung Slapstick bewegt. Das sorgt zwar für Kurzweil, steht aber im krassen Gegensatz zum Stück. Die bitterböse Ausweglosigkeit wird zur Klamotte. Das ist schade und mindert den hohen Anspruch der Theatergruppe.
Letzte Vorstellung heute, Sonnabend, um 20.30 Uhr.
FRITZ - Das Magazin - Juli 2005
Dysmorphomanie
Puppentheater, Halle
Vladimir Sorokin gilt als Enfant terrible der russischen Avantgarde. "Dysmorphomanie" heißt sein neues Drama und das hat am 6. Juli Premiere. Im Stück selbst werden die Möglichkeiten des Theaters ausgetestet, mit imaginierten körperlichen Mängeln umzugehen. Ein Werk, dass sonst kaum auf hiesigen Spielplänen zu finden ist.
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