die Presseberichte vom Stück
"Die Geschichte des Kommunismus nacherzählt für Geisteskranke"
Mitteldeutsche Zeitung - Dienstag, 29. Juni 2004
Theater Halogen
Im beruhigenden Bann einer Utopie
"Geschichte des Kommunismus ..." hat Premiere im Puppentheater
Von unserer Mitarbeiterin: Nancy Mattstedt
Halle/MZ. Der Kommunismus - keine schlechte Idee, denkt man daran, dass er die Klassenunterschiede abschaffen und jeglichen Besitz dem Proletariat zu Gute kommen lassen wollte. Doch endete seine Verwirklichung unter Stalin in einer Tragödie, die den Menschen Verderben und Tod brachte. Zu erwarten sei das bei jeder Form von umgesetzter Utopie: So etwa erklärte der aus Rumänien stammende und frankophone Autor Matéï Visniec die Intention zu seinem Stück, das vergangenen November im Berliner Maxim-Gorki-Theater zu seiner deutschen Erstaufführung kam.
Blumige Reste
Seit dem Wochenende ist es auch in Halle zu sehen. Unter der Regie von Susanne Range, Dramaturgin des neuen theaters, wagten sich mehr als ein Dutzend studentische Darsteller an die Daten- und Reliktenfülle des Kommunismus, dessen blumiger Rest heute noch irgendwo in Kuba, China oder auf Flohmärkten blüht.
Zwar spielt das Stück zur Zeit Stalins, doch will "Die Geschichte des Kommunismus nacherzählt für Geisteskranke" nicht den Stalinismus aufzeigen, sondern die Wirkungsweise jeder massenmobilisierenden, utopischen Lehre: Nach Matéï Visniec werden Kinder und Verrückte schnell in den Bann einer Utopie gezogen und damit beruhigt, bald glücklich zu werden.
Die Geschichte beginnt und endet in einer psychiatrischen Anstalt, offiziell auch politische Psychiatrie genannt: Die Insassen sind teils politische Gegner des Sowjetregimes, teils an Überverherrlichung Stalins leidende Kreaturen. In diese ambivalente Enge tritt der Schriftsteller Yuri Petrowski (Jens Kreher). Er soll die Lehren des Kommunismus unter den Insassen verbreiten.
Auf Tuchfühlung
Genosse Petrowski geht diszipliniert auf Tuchfühlung mit den geistig Inhaftierten, doch ist er es, der heimgesucht wird: Unfreiwillig wird er zu einem psychiatrie-getrimmten Insider. Seine Rede vom Staat "in dem niemand irgendjemanden in die Scheiße reiten darf" erreicht zunehmend Konformität.
Es sind vor allem die jungen Darsteller, die eine Adaption in die heutige Zeit schaffen. In allen Figuren steckt Ambivalenz, als Ergebnis des Arrangements mit einem Regime. Das Theater Halogen zeigt ein facettenreiches Theaterspiel inklusive Videoinstallationen und spannenden TV-Filmeinlagen. Und auch das Spiel der 14 Darsteller auf der kleinen Bühne macht Spaß.
Am Ende stirbt Stalin, die Diktatur zerfällt. Aber es bleibt etwas. Für eine Erkenntnis braucht der Zuschauer jedoch viel Zeit. Jeder nimmt etwas anderes mit - aber das ist wohl auch gut so.
Die morgige Vorstellung ist ausverkauft. Karten gibt es noch für den 3. und 4. Juli, Beginn ist jeweils um 20.30 Uhr.
Mitteldeutsche Zeitung - Freitag, 10. September 2004
Scheinwerfer beleuchten das Chaos der Gesellschaft
Das hallesche "Theater Halogen" setzt auf zeitkritisches Schauspiel
Von Petra Schmidt
Halle/MZ. Fragt man sich, welche Gemeinsamkeit ein Halogenscheinwerfer und ein Theater aufweisen, so findet man die Antwort im Beleuchten der Dinge. Zu den freien Bühnen in Halle gehört "Theater Halogen", das mit seiner Arbeit etwas Licht ins Dunkel der Verhältnisse bringen möchte.
1995 beschlossen einige Mitglieder der Katholischen Studentengemeinde, ein unabhängiges Theater mit professionellem Charakter zu gründen. Nach Anfrage im "neuen theater" zeigte der Schauspieler Rayk Gaida Interesse an dieser Idee und gab dem Kind einen Namen: "Theater Halogen". Seit 2000 ist die Bühne ein eingetragener Verein, der zu 60 Prozent auf öffentliche Fördermittel angewiesen ist, die immer spärlicher fließen.
Bühne frei!
Der größte Wunsch der Vorstandsvorsitzenden des Theatervereins "Theater Halogen", Nicole Thieme-Gaida, ist es "möglichst lange noch existieren zu können", aber die finanzielle Not "bricht uns fast das Genick". Obwohl sich das Ensemble aus 24 Mitwirkenden, hauptsächlich Studenten, regelmäßig zu den Proben im "neuen theater" trifft, variieren die Aufführungsorte. So traten sie beispielsweise 2001 mit "Reigen" von Arthur Schnitzler im "neuen theater" und 2003 mit "Blut am Hals der Katze" von Rainer Werner Fassbinder im Puppentheater der Stadt Halle auf.
Doch auch die Bühnen der "Theatrale" und des „Thalia Theaters" werden genutzt, wo sie ihr Können unter Beweis stellen.
"Wir erheben an uns selbst den Anspruch, dass wir professionelles Theater machen wollen."
Nicole Thieme-Gaida - Halogen-Chefin
"Theater Halogen" setzt sich mit Dramen auseinander, die gesellschaftskritische Inhalte als Grundlage haben. So auch ihre aktuelle Inszenierung: „Die Geschichte des Kommunismus nacherzählt für Geisteskranke" von Matéï Visniec, in der Gegner des stalinistischen Regimes für geisteskrank erklärt und in eine Psychiatrie gesteckt werden, wobei sich die Frage stellt, wer hier die Geisteskranken sind. Obwohl "Theater Halogen" das Chaos und den Wahnsinn der Gesellschaft in seinen Inszenierungen verhandelt, definieren sich die Mitglieder nicht als Moralapostel. Ausdrücklich wollen sie nicht "mit dem erhobenen Zeigefinger" arbeiten, sagt Nicole Thieme-Gaida.
"Theater Halogen" sieht sich als gemeinnütziger Verein, der sein soziales Engagement zum Beispiel bei einem Gastauftritt 1997 in der halleschen Jugendvollzugsanstalt bewies. So führten die Schauspieler nicht nur eine ihrer Inszenierungen auf, sondern suchten auch das Gespräch mit den Inhaftierten.
So präsentiert sich "Theater Halogen", dass schon längst kein "kleines Licht" mehr ist, als erfolgreiche und angesehene Theatergruppe in der halleschen Theaterlandschaft.
@Die Bühne im Netz: www.theater-halogen.de
Pflaster - Oktoberausgabe 2004
Die Geschichte des Kommunismus kehrt zurück
Seit der namentlichen Gründung im Jahre 1996 wechselten die Gesichter der freien Amateurtheatergruppe ‚theater HALOGEN’ häufig. Nicht zuletzt dadurch, weil jeder, der Lust am Theaterspielen hat, in der Truppe willkommen ist. Natürlich die beste Möglichkeit um frisches Blut und neue Ideen zu gewinnen. So wurde und wird es jedes Jahr aufs Neue gehalten. Doch eines blieb über die Jahre erhalten, die Auseinandersetzung mit anspruchsvollen Werken. Die Wahl der Stücke fiel fast immer auf Titel, die man vergebens auf einem Halleschen Spielplan sucht. So entstanden Projekte wie "Die Nashörner " von Ionesco, "Roberto Zucco" von Koltes, "Reigen" von Schnitzler und "Blut am Hals der Katze" von Fassbinder.
Dieses fast schon traditionelle Niveau wird auch dieses Jahr mit einer sehr aufwendigen Inszenierung, die Material und Mensch an die Grenzen des Möglichen bringt, dem neugierigem Publikum geboten. Mit „Die Geschichte des Kommunismus nacherzählt für Geisteskranke“ von Matéï Visniec präsentiert theater HALOGEN e.V. ein sehr junges und außergewöhnliches Stück. Die Deutschsprachige Erstaufführung fand am 27. November 2003 im Maxim Gorki Theater in Berlin statt. Weiter Aufführungen finden seit dem 28. November 2003 im Volkstheater Rostock und seit dem 26. Juni im Puppentheater der Stadt Halle mit theater HALOGEN statt. Dabei blickt HALOGEN bereits auf fünf erfolgreich ausverkaufte Vorstellungen im Juni und Juli diesen Jahres zurück. Im Oktober kann sich nun vier weitere Male der Saal im Puppentheater der Stadt Halle füllen.
Der Zuschauer begibt sich auf eine Reise ins Jahr 1953. Der Schriftsteller Yuri Petrowski (gespielt von Jens Kreher) wird in die zentrale Anstalt für Geisteskranke in Moskau berufen, um dem Stalintreuem Personal bei der Heilung der Kranken zu helfen. Durch den Glauben an die Macht der Literatur motiviert, wird Yuri Petrowski beauftragt mit Erzählungen über die Geschichte des Kommunismus den vermeintlich geringfügig bis hochgradig Schwachsinnigen das Wunder Stalin in ihre Herzen zu pflanzen und somit die geistige Genesung herbeizuführen. Ziemlich bald eröffnet sich jedoch die Wahrheit hinter der Wahrheit und die Grenze zwischen Realität und gelebtem Wahnsinn löst sich zusehends auf. Utopie, Utopie, Utopie!
Am 07. und 08. sowie 30. und 31. Oktober wird die Geschichte des Kommunismus für all jene, die im Sommer also kein Glück hatten oder es gerne noch einmal erleben möchten, nacherzählt für Geisteskranke.
Faites vos jeux, ladies and gentlemen !
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